In unserem vorherigen Artikel haben wir erläutert, warum die krankheitsbedingten Fehlzeiten trotz der zunehmenden Massnahmen im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung weiter steigen.
Diese Feststellung verdeutlicht einen entscheidenden Punkt: Die Prävention von Fehlzeiten entscheidet sich oft schon, bevor die Arbeitsunfähigkeit vollends eintritt. Genau in dieser frühen, noch umkehrbaren Phase setzt unser System zum systematischen Absenzenmanagement an. Es basiert auf einem einfachen Prinzip: jedem Mitarbeiter, der sich im Krankenstand befindet, von Beginn der Abwesenheit an einen frühzeitigen, strukturierten und systematischen menschlichen Kontakt anzubieten.
Das Prinzip der systematischen Anrufe
Bei den systematischen Anrufen werden alle Mitarbeiter kontaktiert, die sich im Krankenstand befinden, unabhängig von der Dauer oder der Art der Abwesenheit. Dieser Ansatz basiert auf einer festen Überzeugung: Eine Abwesenheit, selbst wenn sie nur kurz ist, ist niemals neutral.
Das Verfahren zielt weder auf eine Kontrolle noch auf die Beurteilung der Rechtmässigkeit des Krankenstands ab und greift weder in die Erkrankung noch in die Arbeitsleistung ein. Seine Aufgabe ist es, einen Raum für den Austausch zu bieten, der sich auf die persönliche Erfahrung der Abwesenheit konzentriert und es ermöglicht, Themen frei anzusprechen, die in anderen Kontexten oft schwer zu äussern sind: Schuldgefühle, Ängste im Zusammenhang mit der Rückkehr, Beziehungskonflikte, Unsicherheit oder persönliche Lebensereignisse.
Der systematische Charakter des Ansatzes ist von entscheidender Bedeutung. Diese Vorgehensweise gewährleistet Fairness, vermeidet jegliche Stigmatisierung und erkennt an, dass eine individuelle Abwesenheit immer auch ein kollektives Ereignis ist, das sich auf das Team und die Organisation auswirkt. Die Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Beziehung ermöglicht es, das Gleichgewicht der Teams zu bewahren und Spannungen aufgrund von Unsicherheit zu begrenzen.
Eine Abwesenheit zu unterstützen bedeutet also nicht nur, eine Person zu begleiten, sondern auch ein System zu erhalten.
Eine vertrauenswürdige dritte Instanz, die die medizinische Versorgung und die Hierarchie ergänzt und von diesen getrennt ist
Die systematischen Anrufe sind bewusst ausserhalb der medizinischen Versorgung, des Managements und der Hierarchie angesiedelt. Dieser Rahmen gewährleistet Vertraulichkeit und psychologische Sicherheit.
Das System ersetzt weder den behandelnden Arzt noch die Versicherungen oder die internen Gesundheitsdienste. Es wirkt ergänzend in einem Bereich, der oft nur unzureichend abgedeckt ist: dem der zwischenmenschlichen Beziehung und des freien Wortes.
Diese Rolle als vertrauenswürdige dritte Partei ermöglicht es, sensible Themen ohne hierarchischen Druck anzusprechen und gleichzeitig das Unternehmen abzusichern. Ohne Zugriff auf medizinische oder persönliche Informationen begrenzt der festgelegte Rahmen voreilige Interpretationen und kanalisiert Spannungen, die mit der Abwesenheit verbunden sind.
Konkrete und messbare Auswirkungen
Unternehmen, die solche Massnahmen eingeführt haben, verzeichnen messbare Effekte. Bereits im ersten Jahr ist ein Rückgang der Fehlzeiten um mindestens 30 % zu beobachten, wobei die Reduzierung in bestimmten Branchen, insbesondere im Pflegebereich, über einen Zeitraum von drei Jahren bis zu 60 % betragen kann.
Dieser Rückgang der Fehlzeiten wirkt sich auch direkt auf die Taggeldprämien aus und führt zu erheblichen Einsparungen, ohne dass die Leistungen für die Mitarbeitenden gekürzt werden.
Diese Ergebnisse lassen sich durch eine differenziertere Betreuung individueller Situationen erklären. Denn eine Arbeitsunfähigkeit ist niemals nur ein medizinisches Ereignis. Bei gleicher Diagnose können die Verläufe je nach Empfinden, dem Gefühl der Unterstützung, der Qualität der Bindung an das Unternehmen und der Art und Weise, wie die Abwesenheit erlebt wird, sehr unterschiedlich sein.
Vorbeugen statt reparieren
Ohne frühzeitige Gespräche neigen bestimmte Situationen dazu, sich zu verfestigen: berufliche Konflikte, Unsicherheit innerhalb der Organisation, emotionale Überlastung oder Orientierungslosigkeit. Umgekehrt ermöglicht ein rascher Kontakt oft, die tatsächlichen Ursachen zu erkennen und zu handeln, bevor die Abwesenheit länger andauert.
In komplexeren Situationen erleichtert dieser erste Austausch zudem eine gezielte Weiterleitung an die richtigen Ansprechpartner: Hausarzt, Versicherung oder spezialisierte Betreuung. Es geht nicht darum, bestehende Akteure zu ersetzen, sondern die richtigen Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt zu mobilisieren.
Gesundheit am Arbeitsplatz, Mensch und Organisation miteinander verbinden
Eine nachhaltige Prävention von Fehlzeiten beruht nicht allein auf der Aufstockung von Ressourcen, sondern auf deren Fähigkeit, kohärent, menschlich und vorausschauend zu wirken.
Zwischen Gesundheit, Mensch und Organisation bleibt oft ein Raum, der nicht ausreichend genutzt wird. Die systematischen Anrufe sind darauf ausgelegt, genau in diesem Raum anzusetzen: nicht um zu ersetzen, sondern um zu verbinden.
Abwesenheit ist dann kein stiller Bruch mehr, sondern der Ausgangspunkt für eine strukturierte Begleitung, die eine nachhaltige Wiedereingliederung und eine erhaltene Bindung an die Arbeit fördert.
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